Sehbehinderten- und Blinden-Zentrum Südbayern

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Gründungszeit und Entwicklung

Eröffnung der Blindenanstalt Augsburg am 15. Mai 1889

Wally Kirchhauser: Auf Anregung von Herrn Kniewasser fanden sich gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Bereich Priester, Lehrer und wohlhabende Bürgersleute zusammen, um in Augsburg eine Blindenanstalt zu errichten. Sie gründeten 1885 den "Verein für Blindenerziehung von Schwaben und Neuburg". Die Stadt Augsburg stellte zu diesem Zweck mietweise ein altes Gebäude in der Jesuitengasse 74 zur Verfügung. Jedermann wußte, daß dies nur eine Kurzzeitlösung sein konnte. Als die Stadt dieses Haus für eine Blindenanstalt zur Verfügung stellte, war es in einem schrecklichen Zustand. Es gab keine Fenster und keine Türen mehr, der Wind pfiff quer durch das Gemäuer Der Verein für Blindenerziehung in Schwaben schaffte die Restaurierung. Am 15. Mai 1889 konnte die Blindenanstalt ihrer Bestimmung übergeben werden.

Grundlegung: Direktor Riegg und Frau (1885-1914)

Sehende vermitteln ihre Welt

"Das erste Anstaltsleiterehepaar war sehr rührig. Es war die Familie Riegg. Sie zog mit ihren drei Kindern in das halb verfallene Haus ein, um die Restaurierungsarbeiten zügig voranzutreiben."

Es gab kaum eine räumliche Trennung zwischen den Direktoren und den Anstaltseinwohnern. Dreimal täglich wurde im Speisesaal gemeinsam gebetet. Bei diesen Gebeten waren alle anwesend, der Direktor, seine Kinder, die Dienstboten, die Lehrer und die Blinden.

Frau Direktor Riegg stand täglich selber in der Küche; daneben hatte sie für die Sauberkeit des Hauses zu sorgen und den Handarbeitsunterricht sowie die Stickerei zu leiten. Das damalige Hauspersonal bestand aus einem Hausdiener und einer Näherin. Diese übten zugleich die Erzieherrollen aus. Unter ihnen waren sehr viele, die den blinden Kindern das Leben leicht und fröhlich gestalteten.

Blinde Schüler

Im ersten Jahr traten sechs blinde Knaben in die Schule ein. Die Zahl der Schüler nahm sehr rasch zu. Schon im Jahre 1897 waren es einundzwanzig Heiminsassen.

Riegg legte Wert darauf, daß seine Blinden sich in der harten Wirklichkeit zurechtfanden. Soweit möglich, wurden die Heiminsassen, herangezogen. Ein strenger Stundenplan, auch am Sonntag, ließ ihnen kaum Zeit für sich selbst. Der erste Erfolg: 1896 erhielt die Anstalt eine Silbermedaille "für guten Lehrgang und schöne Arbeiten der Zöglinge".

Die ersten Helfer, die Riegg zur Seite standen, waren selbst blind. Einen seiner Schüler, Max Haide, bildete Riegg zum Hilfslehrer aus. Auch der erste Musiklehrer, der bereits eine kleine Blaskapelle ins Leben rief, und der erste Korbmachermeister waren blind. Die geschickteren Blinden unterrichteten die Jüngeren. Aus Könnern wurden Meister und Lehrkräfte mit staatlichen Prüfungen.

Schon damals kristallisierten sich zwei Kriterien heraus, die für die Einrichtung bis zum heutigen Tage bestimmend blieben: die Ausrichtung der ganzen Institution nach christlichen Werten und die familiäre Einstellung aller Anstaltsleitungen. Die Blindenschule war von Anfang an geprägt von religiösen und musischen Grundsätzen.

Blinde entfalten Kultur: Direktor Roth und Frau (1914 - 1935)

Der Liebhaber der Musik

1914 mußte Herr Direktor Riegg wegen einer schweren Zuckerkrankheit die Anstaltsleitung abgeben. Sein Nachfolger wurde Herr Direktor Roth. Frau Direktor Roth entstammte einer Arztfamilie.

Die künstlerische Begabung von Roth hatte einen tiefen Einfluß auf die Blinden; ihre kreativen Fähigkeiten in Musik und Sprache wurden geweckt und gefördert. Drei blinde Komponisten aus der Anstalt schrieben Werke, die auch öffentlich aufgeführt wurden. Im Unterricht verlangte Roth rasches und logisches Denken, Klarheit und Kürze im Ausdruck, vor allem äußerste Genauigkeit und Beachtung seiner Worte.

Not des ersten Weltkriegs

Während des Weltkriegs hatte Herr Direktor Roth große Schwierigkeiten, 50 - 60 Blinde zu ernähren. Das gesamte Vermögen des Vereins fiel der Inflation zum Opfer. Angesichts der Spendenliste sagte der Vater eines Blinden: "Herr Direktor, am meisten müssen wir doch dem Herrn Defizit dankbar sein. Der spendet jedes Jahr am meisten."

Die Blinden und die Musik

Bereits im Jahre 1906 war der Blindenchor vom Stadttheater Augsburg zur Aufführung des " Franziskus ' engagiert. Bei der Presse fand der Chor eine hervorragende Kritik. Bei der Aufführung von Wagners Parsifal sangen Blinde die "Stimme aus der Höhe".

Geachtet und anerkannt

Die künstlerischen Leistungen der Blinden trugen erheblich dazu bei, die Meinung über die Blinden positiv zu beeinflussen und Vorurteile und Zweifel abzubauen. Sie wurden immer mehr anerkannt. Wally Kirchhauser schreibt weiter:

Die Heiminsassen hatten auch viel Umgang mit den Gönnern des Hauses. Die Blinden wurden an den Sonntagen von Augsburger Bürgern eingeladen. Der Blindenchor sang auf Bestellung bei Trauungen, Beerdigungen und so manches Geburtstagsständchen. Starke freundschaftliche Beziehungen bestanden immer zum Ordinariat. Die Bischöfe kamen von Zeit zu Zeit auf Besuch. Die Herren vom Domkapitel hielten ihre hl. Messen im Haus.

Beginnende Selbständigkeit

Die ersten Blinden verließen in der Zeit von Herrn Direktor Roths Leitung die Blindenschule. Sie wollten mehr Freiheit, sich im Leben selbst zurechtfinden, und sie schafften das auch einigermaßen, oft unter schwersten Bedingungen, weil zur damaligen Zeit Blinden, die draußen standen, keinerlei Hilfen gegeben wurden.

Die Blinden draußen gründeten eine Arbeitsgenossenschaft. Sie verkauften ihre Bürsten und Besen gemeinsam. So ging 's eben leichter Ein Blinder aus der Augsburger Blindenanstalt namens Kasseneder war unter den Gründungsmitgliedern des Bayerischen Blindenbundes im Jahr 1920.

Endphase der ersten 50 Jahre: Direktor Brugger und Frau (1935 -1939)

Der beliebte Pädagoge

Im Januar 1935 starb Herr Direktor Roth nach kurzer Krankheit. Bis Mai behielt seine Frau allein die Leitung. Sie gab dann diese an Familie Brugger ab. Sie konnte es nicht fassen, daß sie außer ihrem Mann auch noch die Blinden einbüßen mußte. Bereits im Oktober desselben Jahres folgte sie ihrem Mann im Tode nach. Herr Direktor Brugger, der den Blinden auch schon vor seiner Lehrertätigkeit im Hause bekannt war, übernahm die Anstaltsleitung.

Herr Direktor Brugger war als Anstaltsleiter sehr beliebt, vor allem als Lehrer. Er zeigte den Kindern alles, jeden Regenwurm, jede Blume, jeden geschnitzten Kopf. Es gab nichts, was er ihnen nicht in die Hand gab.

Blinde im Beruf

Blinde Arbeiter

Die Erfahrung, daß Blinde sich entfalten können und leistungsfähig sind, ermutigte dazu, die Arbeit als Grundlage der Existenzsicherung zum Ziel der Blindenbildung zu machen. Bei der 50-Jahr-Feier 1939 konnte Direktor Brugger zeigen: Fast alle Blinden, die bis dahin das Heim verlassen hatten, bewährten sich im Beruf. Neue Handwerksarbeiten wie Flechten von Kokosmatten, die Mechanisierung der Bürstenmacherei und Ausbildung zum Stenotypisten kamen hinzu. Auch der hohe Stand der Leistungen auf kulturellem Gebiet wurde deutlich.

Die ersten Heiminsassen traten dem Bayerischen Blindenbund, der Selbstbilfeorganisation für Blinde, bei. Überall spürte man, daß eine neue Zeit angebrochen war.

Fräulein Anna Hermann

Einer jungen Blinden half Herr Direktor Brugger sehr, daß sie studieren konnte. Sie wurde zu den Englischen ins Gymnasium geschickt und machte dort das beste Abitur der ganzen Klasse. Danach ging sie nach Berlin zur Ausbildung als Blindenlehrerin. Bemerkenswert ist, daß diese junge blinde Frau, Anna Hermann, außer ihrer Blindheit noch sehr stark gehbehindert war.

Betrug der Nazizeit beginnt

Das Dritte Reich hatte sich inzwischen etabliert. Den religiösen Grundsätzen blieb auch Herr Direktor Brugger in dieser Zeit treu. Ein wichtiges Anliegen war ihm allerdings, daß keiner von den Blinden jemals eigene Kinder haben dürfte. In dieser Beziehung war seine Meinung identisch mit der der damaligen Regierung.

Es ist nicht zu leugnen: Die Nazis haben zwar nicht alle, aber doch viele Sehende und Blinde sehr beeindruckt. Diese waren wirklich besten Glaubens, ohne zu merken, wie sie belogen und betrogen worden sind. Während Blinde Hitler anhimmelten, ließ dieser deren Freunde als "Lebensunwerte" ermorden. Die ganze Schurkerei der Nazis offenbart sich hier.

50-Jahr-Feier 1939 - Ende?

Das 50-jahrige Anstaltsjubiläum stand vor der Türe. Das Jubiläum wurde mit Prunk im Augsburger Börsensaal gefeiert. Anna Hermann, die erwähnte blinde Jugendliche, schrieb damals ein Theaterstück über die Gründung der ersten deutschsprachigen Blindenschule durch Wilhelm Klein. Das Theaterstück wurde von den Blinden zur Aufführung gebracht. Es fand großen Beifall beim Publikum.

Langsam schlich sich der düstere Gedanke ein, daß die Augsburger Blindenanstalt nicht lebensfähig sei.